Supply Chain Capitalism, Platform Mercantilism, AI Coup: A Political Economy of Dependencies
This article analyzes how different exploitation strategies within capitalism have led to an enormous concentration of power, threatening democratic societies. Through three case studies—supply chain capitalism, platform mercantilism, and the AI coup—the author develops a 'political economy of dependencies' to understand the fusion of tech oligarchs and political power, with AI as a central driver.
Im Sammelband von Ramona Casasola-Greiner und Korbinian Rüger (Hrsg.) „KI und Demokratie“ ist folgender Beitrag von mir erschienen (S. 183 -217). Die Weiterentwicklung der Theorie -> Die „politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten“, kann hier weiterverfolgt werden.
Zusammenfassung
Der aktuelle politische Moment in den USA ist kaum ohne Rückgriff auf das zu verstehen, was einmal als Technopolitik bezeichnet wurde. Politik mit und durch Technologie hat keinen Neuigkeitswert, doch seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump und dem Triumph der „Broligarchie“ (Harrington 2024) scheint sie eine neue Ebene erreicht zu haben.
In diesem Aufsatz argumentiere ich, dass unterschiedliche, im Kapitalismus entwickelte Ausbeutungsstrategien – sogenannte politökonomische Aneignungsprotokolle – zu einer enormen Konzentration von Macht geführt haben, so dass eine kleine Anzahl an Akteuren in die Lage versetzt wurde, weltweit demokratische Gemeinwesen zu bedrohen. An den drei Beispielen: Supplychain-Kapitalismus, Plattform-Merkantilismus und KI-Coup entwickle ich die „Politische Ökonomie der Abhängigkeiten“, um besser über Macht in der Wirtschaft sprechen zu können.
Einleitung
In einem Interview vom März 2024 sprach Sam Altman, CEO von OpenAI – der mächtigsten KI-Firma der Welt –, einen Satz aus, der ihm sofort unangenehm wurde. Er sagte: „Der Weg zu AGI sollte ein gigantischer Machtkampf sein.“ (Friedman 2024). AGI („Artificial General Intelligence“) markiert innerhalb der Branche die Erreichung von menschengleicher, genereller Maschinenintelligenz und ist das offizielle Ziel aller KI-Start-ups und -Konzernabteilungen. Altman korrigierte sich schnell: Er wünsche sich diesen Machtkampf nicht, aber er erwarte ihn.
Der Satz fällt an der Stelle, als es im Interview um seinen eigenen Machtkampf um die Kontrolle von OpenAI geht. Wenige Monate zuvor, im November 2023, feuerte ihn das Board des Unternehmens überraschend als Geschäftsführer. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und da das Board nur sehr vage Andeutungen über die Gründe machte, spekulierte die halbe Welt über den plötzlichen Rausschmiss (The Verge 2024).
Es ist wichtig, dabei zu verstehen, dass OpenAI keine Firma wie andere Firmen ist. Sie wurde bewusst als Non Profit Organisation (NGO) gegründet, um ethisch verantwortungsvolle KI-Forschung sicherzustellen, doch unter Altman etablierte sie einen For-Profit-Arm, um Milliarden Dollar an Venture Capital einsammeln zu können, die nötig wurden, um die immer teurer werdenden KI-Modelle zu finanzieren. Es waren die 10 Mrd. Dollar, die Microsoft in das Unternehmen investierte und in Form einer Gutschrift zur Nutzung ihrer Cloudinfrastruktur auszahlte, die die aufwändigen Modelle von OpenAI erst möglich gemacht hatten.
( Abb. 11.1 ). Caption: Das Bild zeigt ein Flussdiagramm, das die Organisationsstruktur von OpenAI darstellt. Oben befindet sich der „Board of directors“, der „OpenAI, Inc.“ kontrolliert, eine gemeinnützige Organisation. Diese besitzt und kontrolliert vollständig „OpenAI GP LLC“. „OpenAI, Inc.“ besitzt auch eine Holdinggesellschaft, die Anteile von Mitarbeitern und Investoren umfasst. Microsoft ist als Minderheitseigentümer mit „OpenAI Global, LLC“ verbunden, einer gewinnorientierten Gesellschaft, die mehrheitlich von der Holdinggesellschaft gehalten wird. Das Diagramm zeigt die Beziehungen und Kontrollstrukturen zwischen den verschiedenen Einheiten.
Doch das Board ist kein üblicher Unternehmens-Aufsichtsrat, sondern als Teil der NGO-Struktur den wissenschaftlichen und ethischen Standards der Forschung verpflichtet und hat über alle Geschäftsfelder das letzte Wort. Ein Rausschmiss des CEO ist der letzte Nothebel zur Sicherung dieser Kontrolle und genau so begründete das Board auch seine Entscheidung: Es habe das Vertrauen in Altman verloren.
Doch innerhalb weniger Tage änderte sich alles. Altman hatte es geschafft, einen Großteil der Mitarbeiter auf seine Seite zu ziehen, die auf einmal in einer Petition mit ihrer Kündigung drohten, und Microsoft, der wichtigste Geldgeber und Eigentümer der teuren Server-Infrastruktur, auf der OpenAI die Modelle trainiert und betreibt, stellte Altman in einer Blitzaktion als Chef einer neuen KI-Abteilung ein, mit der Bereitschaft, auch alle anderen OpenAI-Mitarbeiter aufzunehmen. Das Board hatte in dem Moment keine andere Wahl mehr, als seine Entscheidung rückgängig zu machen. Altman kehrte nach weniger als einer Woche zurück auf seinen CEO-Posten und stattdessen wurde nun das Board von ihm neu aufgestellt. Im bereits angesprochenen Interview reflektiert Altman überraschend offen, dass das Board rechtlich befugt war, ihn zu feuern, was seinen letztendlichen Sieg zu einer Art „Governance Failure“ mache. Das ist eine erstaunliche Umschreibung für einen „Coup“.
Ein Jahr später hat sich Sam Altmans Versprecher als Prophezeiung herausgestellt. Die Jagd um die besten Modelle und – spätestens mit der Wahl Donald Trumps ins Weiße Haus – der Machtkampf in der Tech-Branche um politischen Einfluss und Macht waren in einem erstaunlichen Maß eskaliert. Die Tatsache, dass die Branche technisch eher auf der Stelle tritt, hat dem Hype nicht nachhaltig geschadet. 2024 investierten die Techfirmen bereits über 100 Mrd. US$ in Rechenzentren (Lunden 2025) und Sam Altman sprach davon, die nächsten Jahre bis zu sieben Billionen Dollar Investitionen anzustreben (Hagey 2024).
Gleichzeitig hat sich das Thema politisiert. Schon unter der Biden-Präsidentschaft stand der Wettbewerb um KI- Vorherrschaft mit China im Mittelpunkt, doch mit dem Wiedereinzug von Donald Trump ins Weiße Haus sitzen zentrale Player der KI-Industrie nun direkt an den Schalthebeln der Macht und nutzen die Rivalität zu China als Investitions- und Deregulierungs-Argument.
Elon Musk, der die ersten zwei Monate der Trump-Präsidentschaft quasi als Co-Präsident auftrat und mit seiner eigenen Behörde DOGE (Department of Government Efficiency) nicht nur zigtausende Staatsbedienstete entließ, ganze Ministerien abwickelte und seinen eigenen Firmen wie Tesla, SpaceX und Star Link große Staatsaufträge zuschusterte, scheint nun die durch ihn geschröpften Behörden auch noch durch den KI-Chatbot seines eigenen Start-ups xAI ersetzen zu wollen. (Wong 2025 ).
AQ3 Doch Musk ist nicht der einzige Tech-Milliardär an der Quelle der Macht; da ist auch Peter Thiel, die graue Eminenz im Silicon Valley, der Trump schon in seiner ersten Amtszeit unterstützt hatte und bekennender Antidemokrat ist. Neben seinem alten Kompagnon Elon Musk und dem Vizepräsidenten JD Vance, für den er der intellektuelle Ziehvater ist, hat Thiel noch weitere 14 enge Kontakte in hohen Positionen der US-Administration (Alexander und Tarabay 2025).
Einer davon, David Sacks, ist jetzt offizieller „Crypto und KI-Tsar“ und kämpft auf oberster Regierungsebene gegen jegliche Form von Regulierung und Kontrolle der Tech-Branche. Doch der Kreis der Tech-Magnaten, die eng mit der neuen US- Regierung kooperieren – sei es als Berater oder ideologisch „alignter“ Business-Partner – ist viel größer: Marc Andreessen, einer der einflussreichsten Venture-Kapitalisten, Palmer Luckey und dessen militärischer Drohnenhersteller Anduril, Larry Ellison, der Gründer des Datenbankspezialisten Oracle, und einige andere gehören diesem Netzwerk rechter Tech-Milliardäre mit Einfluss in Washington an.
Aber auch Mark Zuckerberg (Meta), Jeff Bezos (Amazon) und Sundar Pichai (Google) ringen um Einfluss im Weißen Haus und ließen sich dafür sogar als „Spalier“ auf Donald Trumps Inauguration fotografieren ( Abb. 11.2 ) – eine so ikonische wie unwirkliche Unterwerfungsgeste aus Zeiten von Königen und ihren Tafelrunden.
Auch Sam Altman sucht die Nähe zu Trump und verkündete Anfang 2025, mit ihm zusammen das Projekt „Stargate“, ein 500-Mrd.-Dollar-Investmentpaket in KI-Infrastruktur, auf den Weg zu bringen (OpenAI 2025a) sowie Mitte 2025 ebenfalls große Regierungsaufträge (Schiffer 2025). Neuerdings hat auch Jensen Huang, Chef von Nvidia, Trumps Ohr und darf in die Handelsbeziehungen mit China eingreifen (Mickle 2025).
Doch der Friede bröckelt: Sam Altman und Elon Musk – als damaliger Mitgründer von OpenAI – sind alte, jetzt verfeindete Weggefährten und Musk hat mehrere Klagen gegen OpenAI laufen und kritisiert das Stargate-Projekt öffentlich. Musk selbst musste sich inzwischen aus der Regierungsarbeit herausziehen, um sein Unternehmen Tesla zu retten, das als Marke national und international unter Druck geriet, nachdem sich sein Agieren als DOGE-Chef als sehr unpopulär erwies (Guerra; Rameswaram 2025). Bei einem Meeting Trumps mit hohen Militärs im Weißen Haus wunderten sich die anwesenden Generäle, als plötzlich die Tür aufging und Mark Zuckerberg in den Raum trat, um Trump etwas zu fragen, fast so als wäre er der Mitbewohner (Times of India 2025).
Es ist unklar, in welche Richtung sich das Gerangel um die Plätze an der Sonne noch entwickelt, aber eines steht fest: Der Technologiesektor ist im Herzen der Macht angekommen, hat alle Scham abgelegt und kämpft jetzt mit offenem Visier um Vorherrschaft von was auch immer da gerade am Entstehen ist. Doch was ist da am Entstehen?
Um zu verstehen, warum Technologie und Politik plötzlich zu einer Art Real-Live „Game of Thrones“ verschmolzen sind und wo uns das hinführt, müssen wir viel grundlegender verstehen, wie Akteure in Technologie, Wirtschaft und Politik gelernt haben, Macht zu organisieren und welche Rolle KI darin einnimmt.
Dafür sind zwei Dinge notwendig: Es braucht zum einen eine Theorie der Macht, also eine politische Ökonomie, und zum anderen braucht es eine historische Situierung des aktuellen Moments: Welche Strukturen haben uns hierhergeleitet?
Ich versuche beides in diesem Text miteinander zu verflechten, indem ich die drei prägenden politökonomischen Paradigmen der letzten Jahrzehnte analysiere und theoretisiere:
den Supplychain-Kapitalismus, der er seit den 1980er Jahren unsere globalisierte Wirtschaft organisiert
den Plattform-Merkantilismus, der seit den 2010er Jahren unser Konsumleben auf den Kopf gestellt hat
den sich ankündigenden, teils vollzogenen KI-Coup, der uns seit der Veröffentlichung von ChatGPT im Herbst 2022 in ein völlig neues Paradigma stürzt.
Im letzten Teil, in der Analyse von KI als Coup, wird dann hoffentlich klar, welches politökonomische Paradigma dort am Entstehen ist und warum diese Entwicklung sich nicht mit demokratischen Gesellschaften verträgt.
Der Supplychain-Kapitalismus
Das erste politökonomische Paradigma, über das ich sprechen möchte, ist der „Supplychain-Kapitalismus“. Er wurde in den 1980er Jahren popularisiert und bestimmt bis heute die Struktur unserer globalen Wertschöpfungsketten.
Grob gesagt, lagert im Supplychain-Kapitalismus ein sogenanntes „Leitunternehmen“ einen Teil seiner Aufgaben oder Vorprodukte oder sogar die gesamte Produktion an Zuliefererfirmen aus, die oft im Ausland sitzen. Über die Zeit differenzierten sich die Lieferketten immer weiter aus, bis sich ein weit verflochtenes und recht dynamisches Netzwerk an global situierten Zulieferfirmen entwickelt hatte, mit Schwerpunkten in China, Indonesien, Vietnam und Korea, was vor allem zwischen den 1990er Jahren bis heute zum dortigen Wirtschaftswachstum beigetragen hat. Gleichzeitig wurden westliche Markenunternehmen materiell entkernt und bestehen beinahe nur noch aus Marketing-Abteilungen für Produkte, die von anderen Firmen hergestellt werden (Klein 1999).
Anna Tsing erzählt in ihrem Buch „The Mushroom at the End of the World“ (Tsing 2015) den Aufstieg der Supplychains so: Als 1853 amerikanische Kanonenboote an der Küste vor Japan die Öffnung der japanischen Volkswirtschaft für den internationalen Handel erzwangen, sorgte das dort für einen politischen Umsturz und führte zu einer rapiden Verwestlichung der japanischen Kultur. Es entwickelte sich schnell eine moderne Ökonomie mit Fabriken, Banken und Handel. Anfang des 20. Jahrhunderts formten sich berei
[truncated for AI cost control]